Tegut- und Rewe-Markt verkaufen ab sofort an Wochenenden abends keinen Schnaps mehr

Marburg. Die Lebensmittelmärkte am Marburger Erlenring verkaufen ab sofort an Wochenenden abends keinen "harten" Alkohol mehr. Eine entsprechende Selbstverpflichtungserklärung haben die Geschäftsführer beziehungsweise Inhaber der Märkte, Uwe Kranich (Rewe) und Marcus Kleine (Tegut) gestern Morgen im Dienstzimmer von Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) unterzeichnet.
Sie erklären damit, dass in ihren Geschäften mit sofortiger Wirkung freitags, samstags und an allen Tagen vor Feiertagen jeweils ab 20 Uhr keine Schnäpse mehr verkauft werden. Oberbürgermeister Vaupel hatte um diesen Schritt gebeten, um die "Saufszene" von Jugendlichen im Bereich Marburg-Mitte "trockenzulegen". Er dankte Kranich und Kleine dafür aus, dass sie sich auf seine Bitte hin sofort gesprächsbereit gezeigt hätten.
Wie diese Zeitung berichtet hat, hat sich im Bereich um den Erlenring insbesondere an Wochenenden eine "Partyszene" entwickelt, in der vielfach von Jugendlichen im Übermaß Alkohol getrunken wird. Im Umfeld dieser Szene kommt es immer wieder zu Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und anderen Straftaten. Um dem Einhalt zu gebieten, hatte die Stadt Anfang dieses Jahres ein abendliches Alkoholverbot für den Bereich der Innenstadt verhängt.
Eine Zeit lang besserte sich die Situation daraufhin, jetzt häufen sich die Probleme wieder, wie Vaupel gestern erläuterte. Um Abhilfe zu schaffen, habe er deshalb die Geschäftsleute gebeten, abends auf den Alkoholverkauf zu verzichten. Dieser Bitte kamen Kleine und Kranich gestern mit der Unterzeichnung der Selbstverpflichtung nach. Beide erklärten, sie seien dazu sofort bereit gewesen, das Anliegen der Stadt zu unterstützen. Kranich sagte, er sei sich sicher, dass sein Rewe Markt nun keinen Cent weniger Umsatz machen werde. Und Kleine fügte hinzu: "Und wenn wir weniger Umsatz machen würden, dann wäre das Geld in diesem Fall gut investiert." Kranich kündigte überdies an, dass er ab sofort in seinen Märkten in Marburg und Wetter gar keine alkoholischen Getränke mehr an Menschen unter 18 Jahren verkaufen werde. Hintergrund: Dem Gesetz nach dürfen Jugendliche über 16 Jahren eigentlich Mixgetränke aus Bier und Limonade kaufen.
Die Selbstverpflichtungserklärung bezeichnete Oberbürgermeister Vaupel als "großen Schritt", fügte aber hinzu: "Das wird nicht die Lösung des eigentlichen Problems sein!" Das eigentliche Problem liege nämlich darin, dass sich in ganz Deutschland eine neue "Jugendkultur" entwickelt habe, die mit Partys und exzessivem Alkoholkonsum verbunden sei. Dieses Problem sei nicht mit Alkoholverboten sondern nur durch eine geänderte Jugendpolitik zu lösen.
"Von Elternallein gelassen"
Die Stadt Marburg habe auf die Situation bereits durch verstärkte Kontrollen durch Polizei und Ordnungsamt reagiert. Sie stehe außerdem in Gesprächen mit den Vertrauenslehrern und Schülervertretungen der Schulen.
Und das Jugendamt werde künftig "auffällige" Jugendliche intensiver betreuen: "Wenn wieder ein Jugendlicher im Koma abtransportiert wird, belassen wir es jetzt nicht mehr dabei, die Eltern anzuschreiben, sondern gehen sofort direkt auf den betreffenden Jugendlichen zu." Dabei werde die Stadt die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen, sagte der Oberbürgermeister, und übte harte Kritik: "Wir fühlen uns von den Eltern in manchen Fällen verdammt alleingelassen!"
Dabei stellte Vaupel klar, dass er keineswegs von Jugendlichen aus sozial schwachen Schichten oder aus sozialen Brennpunkten spreche: "Es handelt sich überwiegend um junge Leute aus so genannten gut bürgerlichen Verhältnissen!" Und Dieter Oberländer, Leiter des Marburger Ordnungsamts wies darauf hin, dass sich im Bereich am Erlenring nicht nur Jugendliche aus Marburg "danebenbenehmen". Vielmehr gebe es mittlerweile einen regelrechten Partytourismus. Im gesamten Landkreis habe sich herumgesprochen, dass man in Marburg "gut einen draufmachen" könne.
Ebenso wie Oberländer betonte Vaupel, dass die Stadt keineswegs Partys verbieten oder gegen Menschen vorgehen wolle, die mal auf einer Parkbank gemütlich ein Bier trinken. Sie wolle nur Exzesse unterbinden und verhindern, dass "Angsträume" entstehen.
Oberländer wies in dem Zusammenhang darauf hin, dass es im Bereich um den Erlenring auch schon Übergriife von feiernden Jugendlichen gegen Anwohner und Passanten gegeben habe. Die Bürger hätten inzwischen Angst. Dies könne die Stadt bei einem so wichtigen Bereich wie Marburg Mitte, in dem es zum Beispiel zwei Millionen Kinobesucher pro Jahr gebe, nicht hingenommen werden.
"Streetworker" wird kommen
Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) geht davon aus, dass das Stadtparlament heute aben mit dem Beschluss über den Haushalt für 2009 der Bereitstellung von 30 000 für die Einsetzung eines "Streetworkers" zustimmen wird. Die FDP hat dieses 30 000 Euro für "Straßensozialarbeit" im Bereich Marburg Mitte beantragt. Vaupel geht davon aus, dass die rot-grüne Koalilion dem zustimmen wird. Er erklärte aber, die 30 000 Euro würden nicht exklusiv für Marburg Mitte ausgegeben. Das habe kaum Sinn: "Betrunkenen jungen Leuten kann man abends um 11 Uhr nicht mehr erklären, was gut und was falsch ist."